Das neue Paradigma: Auge in Auge

Siegward Sprotte Stiftung, PotsdamDie Bildekonzeption erwachte seit der Renaissance aus der en profil-Darstellung zur en face-Darstellung. Das face en face aber ermöglicht uns das Auge in Auge. Samuel Beckett sprach von dem "Eyes in each others eyes". Wartet die Renaissance bis auf den heutigen Tag darauf, dass wir augenblicklich realisieren, was sich kunstge-schichtlich anbahnte?

Die Künste und Künstler haben seit der Renaissance miteinander gestritten, Konkurrenzstreitigkeiten kamen in einem vordem unbekannten Maße auf. Piet Mondrian feierte in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts die "Künstlerfreund-schaft" als den Höhepunkt und die Erfüllung der Kunst.

Wo Sehen und Hören in unserem Gesicht als die führenden Sinne nicht mehr miteinander konkurrieren, hier steht die Verlautbarung der Einsicht nicht mehr im Wege. Die menschliche Kommunikation der Sinne miteinander grüsst uns zu Beginn eines neuen Äons.

Der Ausspruch des auf die Meeresbrandung lauschend-schauenden Malers ein Jahr vor dem ersten Weltkrieg, "Kunst ist Sprache" (Karl Hagemeister), ist ernst zu nehmen. Weil die Kunst keine Sprache fand, konnten zwei Weltkriege stattfinden. Wo die Kunst nicht zur Sprache kommt, können wir uns bekriegen. Von unserer Einstellung zum Bild hängt es ab, ob eine dritter Weltkrieg stattfindet oder nicht.
Die Urfehde ist der Konkurrenzstreit von Bild und Wort. Wo Urworte mit sogenannten Urbildern um die Urheberschaft streiten wie Götter, die miteinander rivalisieren im Rechtsstreit vor dem Patentamt der Schöpfung - wo wir darüber streiten, ob die Schöpfung mit dem Urknall, mit dem Urbild, mit einem Urwort, einer Uridee oder Urtat begonnen habe, da pluralisieren wir die Kunst noch in Künste.

Sprechen wir aber erwiedernd einander an, so verzichten wir auf Wechselmanöver und Urheberstreit.

Den Bild-Wort-Wechsel haben wir satt.
Das neue Paradigma ist das Auge in Auge beim Sprechen.

- Siegward Sprotte